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Heute ist der Tag. Es ist der Tag der Generalversammlung. «17.00 Uhr, Hotel Posthuis», steht auf der Einladung und elf Traktanden, von «Begrüssung» bis zu «Verschiedenes». Die Meisten machen sich schon früh auf den Weg ins Pöstli. Man trifft dort alte Bekannte mit denen man den neuesten Klatsch austauschen und vielleicht vorher noch zusammen einen Apéro trinken kann. Dazu kommt, dass die Mitglieder erfahrungsgemäss zahlreicher sind, als die Stühle im Säli – heute ganz bestimmt. Keiner wird die GV verpassen, wenn das Thema Güsel behandelt wird. Die Erwartungen sind gross, sehr gross, wie sich bald herausstellen wird, viel zu gross. Den Klatsch überspringen wir, das Tische hinaus- und Stühle hereintragen, auch. Wie üblich stehen am Eingang Flaschen mit Wein und Fruchtsaft. Krämer hat für alle Gutzi mitgebracht. Vielen Dank.

Die Präsidentin hält die Begrüssung kurz. Nur schnell die Stimmenzähler wählen, dann soll das Traktandum «Verschiedenes» vorgezogen werden. Beim Traktandum «Verschiedenes» geht’s «um die Wurst», das heisst: um den Güsel. Gemeinderat Alpha ist da. Er steht bereits am Hellraumprojektor. Am Tisch daneben sitzt die Aktuarin der Umweltkommission. Sie hat Folien und einen Notizblock vor sich. Die Präsidentin stellt die Delegation der Umweltkommission vor. Gemeinderat Alpha hat noch eine wichtige Sitzung im Tal. Er hat bis 17.30 Uhr Zeit. Ja – das haben wir noch gar nicht erwähnt: Die Strasse auf die Frutt ist nur im Einbahnsystem befahrbar: gerade Stunden bergwärts, ungerade Stunden talwärts. Zwanzig Minuten vor der vollen Stunde wird die Ampel rot. Viel Zeit bleibt nicht. Ein Gemeinderat muss Prioritäten setzen.

Also – ganz schnell die Stimmenzähler wählen. Die Präsidentin macht das speditiv, sie schlägt die Stimmenzähler vor. Für die vier Tische rechts ernennt sie Inno zum Zähler. Inno kommt von innovativ. Inno ist der Hotelier vom Glogghuis. Er hat immer wieder neue Ideen. Seine Gäste kommen auch mit Hasen, Hunden oder wegen den Steinmannli auf die Frutt. Inno ist gerade dabei sein Hotel auszubauen. Er hat viel zu tun. Er sagt, dass er leider bald wieder gehen müsse, er sei vor allem wegen dem Güsel da. Auch Inno setzt Prioritäten – er macht das situativ. Er wird also bis zum Schluss der GV bleiben, nur weiss er das jetzt noch nicht. Ersatz ist bald gefunden. Traktandum eins ist erledigt.

Die Präsidentin gibt Gemeinderat Alpha das Wort, die Aktuarin reicht ihm die ersten Folien. Alpha erklärt, was für unhaltbare Zustände in der Kehrichtsammelstelle herrschen. Als Beweis dafür zeigt er ein Bild: leere Flaschen, eng aneinander gereiht, von der Türe bis zu den beiden übervollen Glascontainern. «Kunststück», sagt einer, «wenn nur zwei Glascontainer vorhanden sind und die Flaschen während der ganzen Wintersaison nie entsorgt werden. Ich habe noch eindrücklichere Fotos zu Hause.» «Die Luft ist trocken, auf der Frutt, das macht durstig», flüstert ein anderer seinen Nachbarn zu. Die nächste Folie legt Alpha nur ganz kurz auf. Sie ist so klitzeklein beschrieben, dass auch die Vordersten keine Chance haben etwas zu erkennen. Das spart Zeit und allfällige Fragen. Die nächsten Folien sind schön. Sie zeigen ein High-Tech-Gerät – gross und imposant. «Eine moderne Kehrichtpresse ist das», erklärt Alpha. «Der Güsel wird gewogen und abgerechnet wird über ein Chipsystem oder ...»

Sorry – jetzt kommen wir etwas in Verlegenheit. Wir geben zu, wir haben es nicht verstanden. Wir sind leider nicht in der Lage, die Präsentation auch nur halbwegs sachgerecht und vollständig wiederzugeben. Am Ende der Präsentation hat Gemeinderat Alpha gesagt, wir müssten uns entscheiden: für das System mit den elektronischen Schlüsseln oder für das andere, man könne die Maschine mieten, leasen oder kaufen, wir müssten uns in den nächsten 14 Tagen entscheiden. Ende der Präsentation.

Für einen kurzen Moment ist Ruhe im Säli. Die meisten sind etwas perplex. Die Expräsi ergreift als erste das Wort. Sie sagt, dass das Güselproblem ein uraltes Problem sei – auf der Frutt. Dass versprochen wurde, auf dieses Jahr etwas zu machen, aber dass sie gestern die Güselrechnung im Briefkasten hatte. «Dann geht ja wieder nichts?» fragt sie wohl eher rhetorisch. «Und wie ist denn das mit der neuen Presse? Hat sie überhaupt Platz in der Kehrichtsammelstelle, wegen der Höhe und so?» «Das muss man abklären», gibt Alpha zur Antwort. Holdrio fragt, ob das stimmt, dass die Entsorgung von einem Kilo Güsel drei Franken kostet, das sei ja ein Vielfaches von einem üblichen Betrag und warum sich die Gemeinde nicht an ihr eigenes Reglement halte, dieses gestatte ja nur die Verrechnung der Mehrkosten für den Transport von der Frutt ins Tal. «Ich weiss nicht, wie viel ein Kilo Abfall auf der Frutt kostet», so der Gemeinderat. So geht es weiter: Fragen über Fragen. Fragen zum Tagestourismus und den öffentlichen Abfallkörben, Fragen, ob der Güsel im Winter nicht günstiger mit der Bahn abtransportiert würde, Fragen, ob beim Umbau der Bergstation und der Kehrichtsammelstelle an die Güselentsorgung gedacht wurde, Fragen, wie viel Güsel auf der Frutt anfällt und so weiter und so fort. «Ich weiss nicht», ist die Standardantwort. «Ich weiss nicht, wie viel Güsel auf der Frutt anfällt. Im Sommer fährt das Auto auf die Frutt und lädt auf, und lädt weiter auf, auf Stöckalp und im Melchtal, bis es voll ist.» «Wie können Sie denn die Kosten berechnen?» will jemand wissen. Keine Antwort. Holdrio bringt nochmals seine Frage mit dem Reglement. «Wir müssen der Frutt die Kosten belasten, die auf der Frutt anfallen, das Gesetz schreibt die ‚Verursachergerechte Finanzierung’ vor», so Alpha. Ein Gemurmel des Erstaunens geht durchs Säli. Holdrio schiebt Gemeinderat Alpha diskret die Richtlinie vom BUWAL über die «Verursachergerechte Finanzierung» zu. Die Aktuarin nimmt sie diskret entgegen.

Die Fragen gehen weiter, die Luft wird dicker, die Gemüter erhitzter. Nur Gemeinderat Alpha bleibt ruhig und antwortet sachlich: «Ich weiss es nicht.» Baschi’s Frau meldet sich: «Ich habe solch einen dicken Hals. Mich hätte es an Ihrer Stelle ‚verchlöpft’, Sie bleiben aber ganz ruhig und unbewegt. Es macht den Anschein, als interessiere Sie das Ganze nicht.» «Doch, doch – ich bin eben ein ruhiger Mensch», antwortet Alpha ruhig. Er schaut auf die Uhr. Es ist schon nach Sechs. Die Ampel ist auf rot – auch die Strassenampel. Die Assistentin hat die Folien bereits eingepackt. Die Präsidentin verabschiedet die Delegation der Umweltkommission dankend, nicht ohne zu erwähnen, dass die von ihr geschriebenen Briefe doch gar nicht so böse seien – wie Alpha sich einmal beklagt habe – in Anbetracht der Stimmung.

Holdrio ist etwas konfus. Er versucht die Situation in «seine Welt» umzusetzen. Er stellt sich vor, er will ein Projekt durchbringen. Er zeichnet schöne Pläne und erhält einen Termin bei der Geschäftsleitung. Nach der Präsentation fragt er die Geschäftsleitung, ob sie die Pläne mit dem blauen oder mit dem grünen Strich möchte. Der IT-Leiter fragt hingegen, ob er noch etwas zu Zielsetzung, Anforderungen, Rahmenbedingungen, Kritische Erfolgsfaktoren und so weiter sagen könne. «Nein», sag Holdrio. Der Finanzchef fragt nach den Kosten, Erträgen, Investitionen und Abschreibungen. «Keine Ahnung», sagt Holdrio. «Danke, Sie können gehen», sagt der CEO. Dieses Jahr werden seine Kollegen wohl einen grösseren Bonus erhalten.

Kurze Pause – Gläser müssen aufgefüllt, Fenster geöffnet werden. Frische Luft muss her; einige müssen sich Luft machen. Von Steuerverweigerung ist die Rede, von Sammelklagen und Sperrkonten. Die Idee mit dem Rekurs wird nur belächelt: oft versucht, aber nichts erreicht. Ganz hinten links sagt jemand: «Jetzt haben wir nach all den Jahren erreicht, dass ein Gemeinderat extra wegen uns bis auf die Frutt gekommen ist. Bitte, bitte – macht keine Rekurse und schreibt keine Briefe: sonst ist ‚alles für die Katz‘.» Allmählich wird die Diskussion sachlicher. Die Chefin der Sportbahnen ist bereit abzuklären, ob der Güsel im Winter mit der Bahn abgeführt werden kann. Auch der Präsident des Tourismusvereins bietet seine Hilfe an: «Es geht nicht an, dass der Follow-me in Zukunft den ganzen Güsel den er einsammelt auch noch selbst bezahlen muss, dafür sorgt der Tourismusverein.» Inno macht einen Vorschlag: «Warum bilden wir nicht eine Kommission, die das Güselproblem nachhaltig angeht?» Die Präsidentin mischt sich ein: «Ja – dieser Vorschlag ist bereits als Antrag eingegangen; wir behandeln ihn bei Traktandum sieben.»

Geben wir den «roten Faden» nicht aus der Hand. Überspringen wir die weitere Diskussion und die nächsten Traktanden – kein Problem – der Vorstand wurde entlastet und das Budget genehmigt. Bei Traktandum sieben erhält Baschi das Wort. Baschi hat den Antrag gestellt. Baschi ist ein vom Güsel gebranntes Kind und es liegt ihm viel daran, dass endlich etwas geht. Er trägt seinen Antrag vor. Das zustimmende Gemurmel lässt darauf schliessen, dass die Mitglieder damit einverstanden sind. Jetzt blicken einige Köpfe fragend im Säli herum, andere machen sich ganz klein. Die Güselkommission haben wir, aber es braucht noch die Güselkommissäre. Baschi ist vorgegeben: er hat den Antrag gestellt. Inno hat sich schon geoutet, da muss er ja wohl. Inno schaut provozierend zu Holdrio, der kennt schliesslich das Güselreglement. Holdrio nickt stumm und schaut weiter zur Präsidentin. Ein Vorstandsmitglied müsste dabei sein. Die Präsidentin schaut nicht weiter, sie hofft auf Freiwillige. Pause. Baschi greift ein: «Wir sind jetzt vier. Es braucht noch eine fünfte Person, eine Frau, eine die Briefe und Protokolle schreiben kann.» Buhhh – Baschi! Das ist nicht nur sexistisch, das ist auch falsch. Was glaubst denn du? Die Frutt hat zwar keine Universität, aber es hat auf der Frutt sogar Männer die Schreiben und Lesen können. Da meldet sich Krämer – freiwillig – und die Kommissäre sind nominiert. «Perfekt», sagt jemand, «eine paritätische Kommission: ein Vertreter vom Vorstand, einer von den Hotels, einer vom Gewerbe und zwei von den Châlets». Die Abstimmung ist reine Formsache. Wenn es darum geht, ob andere die Arbeit machen sollen, dann ist das Resultat immer einstimmig.

Soviel zur GV. Jetzt geht’s zum gemütlichen Teil. Die Diskussionen gehen weiter. Vor allem zwei Fragen beschäftigen die Gemüter: «Weiss er es wirklich nicht, oder will er es nicht sagen?» – der Gemeinderat. Und: «Wie ist er ins Tal gekommen?» – die Ampel war dunkelrot und der Bahnbetrieb eingestellt.

Gemeinderat Alpha wird diesen Tag nicht so schnell vergessen. Wir müssen ihn etwas in Schutz nehmen: Lieber Gemeinderat Alpha, da hast du dir etwas aufgehalst. Da kommt eine geballte Ladung auf dich zu, für die du nur zum Teil verantwortlich bist. Das Güselproblem ist schon viel länger auf der Frutt, als du im Gemeinderat bist. Verursacht und verschlampt haben es schon deine Vorgänger. Du hast die Zeichen nicht erkannt und dich schlecht vorbereitet. Aber du bist nun mal der zuständige Gemeinderat. Du hast dieses Amt angenommen. Würde bringt Bürde. Wer «A» sagt, muss auch «B» sagen. Darum nennen wir dich Alpha. Alpha ist der Anfang. Das kann sich aber ändern. Das Ende dieser Geschichte haben wir schon skizziert. Natürlich endet die Geschichte mit einem Happy End. Mach mit – und sei kein Spielverderber. Die Geschichte endet mit einem gewaltigen Fest. Alle feiern, sind fröhlich und zufrieden. Zusammen feiern wir die «Neue Güselordnung». Und du wirst getauft, umgetauft auf den Namen Omega. «Es ist vollbracht!» Spätere Generationen der Schulkinder lernen es beim Heimatkundeunterricht an der Familienfeuerstelle: Es war Gemeinderat Omega, der die Güselwirtschaft der Gemeinde Kerns inklusive Melchsee-Frutt in Ordnung gebracht hat.
So – das erste Kapitel ist zu Ende – das Kapitel mit den Zuckerrüben und dem Güsel. Wir haben uns bemüht, beim Güsel zu bleiben. Fast wäre es eine Liebesgeschichte geworden. Eine Liebeserklärung an die Frutt, oder eine Liebesgeschichte mit der hübschen Frau. Wer weiss, was passiert wäre, hätte die hübsche Frau Holdrios Einladung zum Kaffe angenommen. Man weiss nie was auf einen zukommt, wenn man mitten in einer Geschichte steht. Das erste Kapitel ist zu Ende, aber nicht die Geschichte. Irgendwie geht es weiter. Die Dinge verändern sich. Vielleicht geht es nicht so weiter wie man gerne möchte, aber die Zukunft besteht ja nicht nur aus Schicksal und Zufall. Darum, liebe Leserin, lieber Leser: machen Sie mit, beeinflussen Sie die Geschichte. Sagen sie, was an den Güselzahlen, den Güselrechnungen und den Reglementen nicht stimmt. So, wie wir die Fakten jetzt kennen, geht es ja nicht auf. Sagen Sie, was die Arbeitsgruppe Kehricht Ihrer Meinung nach machen soll, oder, wenn Sie Gemeinderat Alpha wären, dann wüssten Sie doch genau was zu tun ist. Schreiben Sie es im Forum. Machen Sie mit! Und wenn Sie Lust haben, kommen Sie auf Melchsee-Frutt. Sie haben die Frutt und die Frutter jetzt kennen gelernt. Die Frutt ist zwar klein, aber es hat noch Platz. Es hat noch viel Platz für gute Menschen. Sie sind herzlich eingeladen. Wahrscheinlich läuft Ihnen schon am ersten Tag der Holdrio, Jodel, Inno, Baschi, Krämer, Follow-me oder die Präsidentin oder Expräsi über den Weg. Kommen Sie, noch bevor es Winter wird. Denn schon bald kommt der Rettungschef ins Gemsy oder Pöstli und sagt: «Es ist soweit! – In einer Stunde kommt der grosse Schnee.»
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