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Dies ist eine wahre Geschichte. Es ist eine Güselgeschichte. Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Wir sind mitten drin, vielleicht auch erst ganz am Anfang. Und weil diese Geschichte ein Happy End erhalten soll, sind Sie alle aufgefordert mitzudenken und mitzumachen. Wir kennen bis jetzt erst das erste Kapitel, sozusagen die Einleitung. Im Moment ist die Situation konfus. Alle sind etwas verwirrt, ratlos und wissen nicht so recht weiter.

Wir beginnen die Geschichte nicht am Anfang. Der liegt schon lange zurück und bis zur Generalversammlung ist auch nichts Wesentliches passiert. Beginnen wir doch die Geschichte mit den Zuckerrüben.

Holdrio ist kein Morgenmensch. An diesem regnerischen Tag hat er ausgeschlafen. Er macht sich auf den Weg zum Gemsy um seinen Kaffee zu trinken, denn wirklich wach wird er erst nach einem starken Espresso. Es ist bereits elf Uhr, und wie gesagt, auf Melchsee-Frutt regnet es. Sein Weg führt vorbei an der Bergstation und der Güselsammelstelle – und hier passiert es. Verschlafen wie er ist, läuft er direkt in eine Frau hinein. Das allein wäre nicht so schlimm, denn die Frau bleibt freundlich und ist auch ganz hübsch. Aber sie kommt vom Einkaufen. Jetzt liegen all die guten Sachen am Boden und wie es Murphys Gesetz will, in der grössten Wasserlache weit und breit. Die Milch und das Yoghurt sind noch zu retten, aber das Kilo Zucker ist nass, durch und durch.

Überspringen wir die üblichen Entschuldigungen und «es ist nicht so schlimm» und auch den erfolglosen Versuch von Holdrio die Frau zu einem Kaffee einzuladen. Gehen wir gleich weiter zur Schadensbehebung. Während die Frau den nicht mehr brauchbaren Zucker nebenan in der Güselhalle entsorgt, macht sich Holdrio auf den Weg ins Frutt-Lädeli um Ersatz zu besorgen. Eigentlich darf man nicht mehr Frutt-Lädeli sagen. Seit Krämer das Lädeli umgebaut hat, heisst es offiziell Frutt-Ladä, aber dieser Name will sich nicht durchsetzen. Es ist und bleibt das Lädeli, konkurrenzlos, mit allem was man braucht, vom Souvenir über Lebensmittel und Kleider bis zu den Mehlwürmern für die Fische. Lassen wir doch etwas Werbung zu, denn wo sonst wird man während sieben Tagen in der Woche von morgens bis abends so freundlich bedient. Wo sonst muss die Ware im Winter mit Gondelbahn und Schneetöff auf fast 2‘000 Meter Höhe transportiert werden. Die Frutter sind sehr froh um ihr Lädeli, spätestens dann, wenn die beim Discounter im Tal eingekauften Vorräte zu Ende gehen. Zugegeben, wir sind etwas abgeschweift, aber Krämer spielt in dieser Geschichte eine aktive Rolle. Wir werden noch von ihm hören. Dass Melchsee-Frutt auf fast 2‘000 Meter über Meer liegt und der Weg ins Tal beschwerlich ist, wird – mindestens was den Güsel anbetrifft – noch viel zu diskutieren geben. Übrigens, Güsel ist Kehricht, auf gut Amtsdeutsch: Siedlungsabfall.

Holdrio sitzt endlich bei seinem Espresso im Gemsy. Ihm geht die Geschichte mit dem verlorenen Zucker durch den Kopf. Seine Eltern gehören der Kriegsgeneration an. Sie haben oft von der Zeit der Rationierung erzählt, wie lebenswichtig und kostbar Zucker damals war. Zucker ist Kohlenhydrat aus dem Zuckerrohr oder der Zuckerrübe. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurde in Schlesien erstmals industriell Zucker aus Zuckerrüben gewonnen. Holdrio sieht vor seinem geistigen Auge wie ein Bauer die Zuckerrüben-Samen aussät, was es alles braucht bis die Rüben im Herbst geerntet werden können. Zehn Zuckerrüben ergeben ein Kilo Zucker. Holdrio sieht sie auf dem Weg in die Zuckerfabrik, wie sie dort gewaschen und zerkleinert werden, zu Rohsaft ausgelaugt, zu Dünnsaft gereinigt, mehrmals verdampft bis Dicksaft entsteht, weiter eingedampft zur zähflüssigen Melasse, schliesslich zentrifugiert, zu Weisszucker getrocknet und in Silos eingelagert. Aber die zehn Zuckerrüben sind noch lange nicht an ihrem Ziel. Es folgt die Konfektionierung, das Sieben und Verpacken. Das Papier für den Zuckersack kommt von der Druckerei. Dort wurde unter anderem «Zucker macht das Leben süss» aufgedruckt. Der Preis steht noch nicht auf der Verpackung. Schliesslich geht der Zucker noch durch die Hände der Grossisten, Zwischenhändler und Spediteure bis Krämer den Preis festlegen und die Zuckersäcke schön einen neben den andern im Regal einordnen kann.

Faszinierend, denkt Holdrio, die vielen Prozesse, die komplexe Logistik, die vielen Beteiligten. Alle verdienen dabei ihren Lebensunterhalt und vielleicht noch etwas mehr. Holdrio erinnert sich genau: einen Franken achtzig hat er für das Kilo Zucker bezahlt. Alle leisten gute, saubere Arbeit. Schliesslich handelt es sich um ein Lebensmittel und nicht um Güsel.

Güsel! Bei diesem Wort stutzt Holdrio. Güsel war schon immer ein Thema auf der Frutt. Erst kürzlich hat ihm die Präsidentin gesagt, dass die Abfuhr von einem Kilo Güsel auf der Frutt drei Franken kostet. Er hat sich damals nichts weiter dabei gedacht. Aber jetzt – da stimmt doch etwas nicht. Es kann ja nicht sein, dass ein Kilo guter Zucker im Lädeli für Fr. 1.80 zu bekommen ist und das gleiche Kilo Zucker als Güsel Fr. 3.-- kostet. Hoffentlich trocknet der Zucker bevor sie ihn abführen, sonst kostet er noch mehr. Holdrio überlegt noch eine Weile was da nicht stimmt, aber er findet keine plausible Erklärung. Er nimmt sich vor die Präsidentin zu fragen wie das mit dem Güsel auf der Frutt geregelt ist und bestellt noch einen Espresso. Diesmal trinkt er ihn ohne Zucker.
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